STRAFTÄTER: Risiko am Rio Coco

Die Bundesregierung will die umstrittene Erlebnispädagogik im Ausland schärfer reglementieren – jugendliche Kriminelle belasten die diplomatischen Beziehungen zu anderen Staaten.

Der Tag im Dschungel von Nicaragua hatte eigentlich ganz gut angefangen – zumindest nach dem Geschmack von Marcel M., 15, einem Jungen aus dem Ruhrgebiet mit 50 Straftaten auf dem Kerbholz: Am 16. Dezember vergangenen Jahres ließ er sich im Buschcamp von Bismuna zusammen mit anderen schwer erziehbaren Jugendlichen aus Deutschland mal so richtig voll laufen, mit reichlich Maisbier von den Indios.

Aber dann, erzählt Marcel, hätten die Betreuer Stress gemacht. Seine Kumpels und er hätten Sandeimer schleppen und Löcher buddeln müssen. Da sei ein Mädchen aus der Truppe auf eine Idee gekommen: Ihr Freund, drüben auf der honduranischen Seite, sagte es, habe ein echt gutes Marihuanafeld; wie wär’s also, einfach abzuhauen, sich ins Feld zu legen und sich mal einen Tag locker zu machen?

Das Lockermachen hatte Folgen: Nicht genug, dass sechs Teenager, zur Besserung von deutschen Jugendämtern nach Nicaragua geschickt, im Dschungel verschwanden, wo der Biss der Lanzenotter einen Menschen in 20 Minuten umbringen kann. Kaum hatten Einheimische sie am nächsten Morgen über den Rio Coco gesetzt, griffen honduranische Grenzer die Deutschen im Alter von 15 bis 17 auf. Und die deutsche Botschaft in der Hauptstadt Tegucigalpa hatte sieben Tage damit zu tun, die Gruppe, die dem Kinder- und Jugendhilfe-Verbund Kiel aus seinem Camp abhanden gekommen war, zurück nach Deutschland zu befördern.

Es ist nicht das erste Mal: Ob Wüste oder Steppe, Gebirge oder Regenwald – es gibt kein Kap der guten Hoffnung, an das deutsche Sozialarbeiter nicht jene Jugendlichen expedieren, mit denen sie daheim nicht fertig werden. Und wenn sich der Fall dann doch als hoffnungslos erweist, müssen sich die deutschen Botschaften um die politischen Kollateralschäden solch einer Risiko-Pädagogik kümmern.

Das sind die Diplomaten jetzt leid: „Die Risiken lassen es aus Sicht des Auswärtigen Amtes empfehlenswert erscheinen, die so genannte Erlebnispädagogik im Ausland vollständig einzustellen“, heißt es in einer Expertise, die der Leiter der Rechtsabteilung, Thomas Läufer, verfasst hat. Und im Familienministerium von Renate Schmidt (SPD) wird eine Gesetzesänderung diskutiert, um die Fernreisen zumindest strenger zu kontrollieren, härter zu reglementieren.

In der Kritik steht eine Jugendarbeit, die nicht nur viel Geld kostet, sondern auch pädagogisch höchst umstritten ist: Mehrere hundert Teenager aus Deutschland gehen jedes Jahr auf große Fahrt – und lösen sich damit vorübergehend aus ihrem Leben im Milieu, als Crash-Kids, Kindernutten, Jung-Junkies. Sie sollen sich bessern in Dschungelcamps, auf Wüsten-Trips oder auf den Planken umgerüsteter Windjammer. Dutzende Vereine verdienen an dem Geschäft, die Jugendämter zahlen meist zwischen 100 und 200 Euro pro Tag, pro Kopf. Dafür sind die Beamten ihre schwierigsten Fälle erst mal los, erkaufen sich zugleich aber eine letzte Hoffnung: „Wie soll man diesen Kindern denn besser helfen?“, fragt Georg Hoffmann, Leiter des Jugendamts Bad Segeberg, der auch einen 16-Jährigen in das Indianerdorf nach Nicaragua geschickt hat.

Gerade weil es um solch eine Klientel geht, gibt es allerdings auch immer weniger Länder, in denen das deutsche Experiment nicht schon schief gegangen wäre – mit schädlichen Nebenwirkungen für das Ansehen der Bundesrepublik im Ausland. Just als die sechs Jugendlichen in Nicaragua über den Rio Coco setzten, saßen deshalb in Berlin Beamte des Auswärtigen Amts mit Kollegen des Familien- und des Justizministeriums zusammen, um ihnen die schlimmsten Kapitel aus dem Dschungelbuch ihrer Diplomaten vorzulesen.

Sie berichteten beispielsweise aus Spanien, wo die Botschaft unter anderem Vorkommnisse wie Diebstahl, Drogenkonsum und Prostitution notierte. „Einzelauflistung wegen Zahl der Fälle nicht möglich“, heißt es lapidar in der Aufstellung des Auswärtigen Amts, „gravierendster Fall: Verurteilung eines Jugendlichen zu 18 Jahren Haft wg. Totschlags“.

Auch in Thailand gab es Ärger. In Pattaya fuhr im Sommer 2002 ein 18-Jähriger aus Hessen mit einem nicht angemeldeten Motorrad einen Menschen zu Tode und tauchte dann ab.

Gerichtsbekannt ebenso der 17-Jährige, der in Niedersachsen mehr als 75 Straftaten gesammelt hatte und in Namibia ein besserer Mensch werden sollte: In der so genannten Buschschule des Flensburger Verbundes sozialpädagogischer Initiativen vergewaltigte er ein Mädchen und bekam dafür zweieinhalb Jahre Haft.

Wenn die Jugendlichen dann auch noch den Dorffrieden stören (Kirgisien) oder sich eine Verfolgungsjagd mit der Polizei liefern (Island), ist für die Diplomaten das Maß voll. „Warum muss man eigentlich nach Übersee reisen – tut’s nicht auch Ostfriesland?“, fragt ein strapazierter Ministerialbeamter in Berlin. Nur: Von Ostfriesland sind es bis zum Rückfall auf dem Hamburger Drogenkiez knapp drei Stunden mit dem Zug. Viele Jugendämter sehen für ihre Härtefälle deshalb nur zwei Lösungen: langes Wegsperren oder weites Wegschicken.

So beklagt der jüngste Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung vom Februar 2002 durchaus die „Hilflosigkeit“, die dann „in erlebnispädagogischen Veranstaltungen als ,Entsorgungsalternative‘ endet“ – noch dazu, wie die Regierung in ihrer Stellungnahme schreibt, in „oftmals unzureichend geeigneten Projekten“. (…weiterlesen…)

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-29847357.html

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