„Da muss man die Notbremse ziehen“

Jugendämter schieben 11- bis 17-Jährige in Auslandsprojekte ab. In den entlegensten Regionen der Welt wird den Kindern Erziehung versprochen, doch manche Problemkids enden als billige Arbeitskräfte. Schwer kontrollierbare Organisationen profitieren davon.

Das Versprechen klingt gut: „Leben ohne Konsum – einfach aber herzlich“. So wirbt der Prospekt des evangelischen Martinswerks Dorlar für seine „Maßnahmen in Transsylvanien“.

In „geeigneten rumänischen Familienverhältnissen“ könnten deutsche Problemkinder „eine Zeitreise zurück“ erleben, mit einem „voll funktionsfähigen zwischenmenschlichen Netzwerk“.

Der 14-jährige Marcel aus dem Ruhrgebiet befindet sich auf Geheiß seines Jugendamts nun schon seit dem vergangenen Jahr in jener „heilsamen Welt“, die ihm später „in Deutschland einen Neubeginn“ ermöglichen soll. Das Amt hatte das Scheidungskind mit Stresssymptomen in Schule und Familie in ein rumänisches Dorf geschickt.

Doch die angepriesene „Zeitreise“ verlief offenbar anders als erwartet – sie wurde zu einer Reise in die Vergangenheit einer schwarzen Pädagogik mit Arbeitszwang und Bestrafung.

Denn in den angeblich „geeigneten Familien“ werden Marcel und mehrere weitere Kinder aus Deutschland eingesetzt wie Knechte: Die Minderjährigen erledigen Holztransporte, bestellen die Felder oder machen Gartenarbeit. Manche schleppen früh und spät schwere Wassereimer; Vieh und Familien müssen oft aus einem Brunnen versorgt werden.

Die harte Arbeit könnte womöglich noch pädagogischen Zwecken dienen – die drankonischen Strafmaßnahmen tun es auf keinen Fall. Wer nicht spurt, den erwarten mitunter Schläge, Spott oder Beschimpfungen. So erging es Marcel, als er sich weigerte, die Teppiche der Gastfamilie zu reinigen. Man habe ihn „mit einem Besenstiel geschlagen“, gab er einem Betreuer zu Protokoll. An den Übergriffen bestehen nicht einmal beim deutschen Projektträger Zweifel: „Er zeigte mir“, heißt es in einem Bericht, „blaue Flecken an den Unterarmen.“

Was Marcel in einem Dorf in der Einöde Transsylvaniens nahe Sighişoara erlebt, ist kein Einzelfall, nicht das Fehlverhalten eines einzigen Projektträgers, sondern das Resultat einer außer Kontrolle geratenen Jugendhilfe, die als schwierig geltende Kinder aus Deutschland ins Ausland schickt. Mehrere tausend deutsche Problemkinder wurden so seit den achtziger Jahren irgendwohin in die Welt abgeschoben (siehe Grafik).
Wie viele Problemkinder derzeit in welchen Ländern sind, können die Behörden nicht genau sagen. Allein aus Nordrhein-Westfalen sollen gegenwärtig rund hundert Kinder in „Auslandsmaßnahmen“ sein. Für die Jugendhilfeforscher Matthias Witte von der Universität Bielefeld ist der fehlende Überblick nur einer von vielen Mängeln im System. Er hat zahlreiche Projekte besucht und ist dabei auf erhebliche Missstände gestoßen. Sein Fazit: „Letztendlich liegt das Problem in der Intransparenz. Es gibt keine zentrale Stelle, bei der sämtliche Informationen zusammenlaufen. Man weiß nicht wirklich etwas über die Qualität der Projekte, der Mitarbeiter und der Situation vor Ort.“

Regeln soll diese Art der Erziehung das Kinder- und Jugendhilfegesetz, das „intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung“ verspricht. Doch in bester Ordnung scheint auch dieser Teil des deutschen Sozialstaats nicht zu sein, was sich mittlerweile bis zur Bundesregierung herumgesprochen hat. Im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD wird eine Evaluierung der entsprechenden gesetzlichen Regelungen und der tatsächlichen Praxis versprochen – doch erst für 2007.
Natürlich wird nicht jedes ins Ausland verschickte Kind geschlagen oder unzureichend betreut – Zwischenfälle mit den Problemkids in den Auslandsprojekten sind offenbar an der Tagesordnung.

Mal verschwand ein Jugendlicher für längere Zeit einfach spurlos wie 2005 in einem Projekt in Kirgisien, mal erschoss ein Jugendlicher seinen überforderten Erzieher, so geschehen in Griechenland. In einer „Buschschule“ in Namibia kam es zum Streit über die Redlichkeit der Projektleiter. Dort werden Kinder auf einsamen Farmen etwa von den Nachfahren deutscher Kolonialisten vornehmlich durch Arbeit erzogen. In Russland erlebte Jugendhilfeforscher Witte, dass die Russisch sprechenden „Betreuer“ und die deutschen Kids sich kaum verständigen konnten.(…weiterlesen…)

http://www.heimkinder-ueberlebende.org/Die_SCHWARZE-PAEDAGOGIK_wiederholt_sich_-Outsourcing_deutscher_Problemkids_zur_Arbeitstherapie_ins_Auslandbesonders_nach_Schwellenlaendern-_1980-2006.html

 

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