Polizei befreit Baby aus den Händen des Jugendamtes

Gegen den Willen der Mutter hat das Jugendamt Neukölln ein Baby in Obhut genommen. Keziban C. sei nicht in der Lage, für ihren Säugling zu sorgen. Zu Unrecht, wie das Familiengericht jetzt urteilte. Doch erst die Polizei brachte der jungen Mutter ihr Kind zurück. Greifen die Ämter aus Angst vor Versäumnissen zu früh ein?

Die Polizei hat am Dienstag in Neukölln ein Baby befreit. Aber nicht kriminelle Menschenräuber waren am Werk, sondern das Jugendamt. Gegen den Willen der Mutter Keziban C. hatte das Amt ihren Sohn Haruncan kurz nach der Geburt in Obhut genommen. Die Mutter sei nicht in der Lage, für ihren Säugling zu sorgen. Das Familiengericht sah das anders und wies am 10. Januar den Antrag des Jugendamtes ab.

Dennoch lenkte die Behörde erst fünf Tage nach dem Urteil unter dem Druck von Polizeibeamten am Dienstag ein. Noch am Montag hatte eine Mitarbeiterin es gegenüber dem Anwalt Boris Thöner abgelehnt, das Kind herauszugeben. Nach der Intervention der Polizei, die das Amt auf den Gerichtsentscheid hinwies, soll die Mutter am Mittwochmorgen ihr Baby wiederbekommen.

Kein Risiko aus Angst vor Versäumnissen

Der Fall aus Neukölln wirft ein Schlaglicht auf eine Folge der Diskussion um vernachlässigte Kinder. Die Jugendämter sind eifrig bemüht, kein Risiko einzugehen und versuchen vermehrt, Familien den Zugriff auf ihre Kinder zu entziehen. „Da ist eindeutig eine Zunahme festzustellen“, sagt Anwalt Thöner, der über eine Neuköllner Sozialberatung mehrere ähnliche Fälle bearbeitet.

Baby Haruncan kam am 11. November 2007 im Krankenhaus Neukölln als Frühchen drei Wochen vor dem Termin zur Welt. Als Frühgeburt musste der Junge noch in der Klinik bleiben, während seine Mutter, die 27 Jahre alte Türkin Keziban C., nach Hause entlassen wurde.

Das Jugendamt zeigte sich aber durch den Zustand der Mutter alarmiert. Schon im Krankenhaus habe sie sehr viel geweint und psychische Auffälligkeiten gezeigt. Sie habe zudem geäußert, mit der Rolle als Mutter überfordert zu sein, schreibt das Jugendamt in seinem Antrag, der Mutter das Aufenthaltsbestimmungsrecht für den Sohn zu entziehen.

Tatsächlich hat die heute 27-jährige vor einigen Jahren zwei Selbstmordversuche unternommen. Heute wohnt sie mit ihren Eltern in einer Zweieinhalbzimmerwohnung. Der Kindesvater, ihr zweiter Ehemann, lebt noch in der Türkei, nach Auskunft der Familie wegen Schwierigkeiten mit der Einwanderungsbehörde. Im selben Haus wohnt der Bruder mit seiner Familie.

Mutter suchte psychologische Hilfe

Amt hatte keinen persönlichen Kontakt zur Mutter

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