Sorge, Recht und Streit Er schrie, klammerte sich an seiner Mutter fest –

im Jahr 2006 holte ein Berliner Jugendamt den Siebenjährigen von zu Hause weg. Seitdem ist er im Heim – aber warum?

Draußen ist es den ganzen Tag nicht richtig hell geworden. Ein Grauschleier liegt über der Stadt, er liegt über dem Haus, in dem sie lebt, und es scheint, als läge er auch hier drinnen, im Kinderzimmer ihres Sohnes. Es brennt kein Licht.

Der Sohn darf diesen Raum nicht betreten, und auch in die Öffentlichkeit darf er nicht, in die Zeitung, er darf nicht erkennbar sein. Der Schutz seiner Persönlichkeitsrechte gebietet das. Deshalb trägt dieser Junge, dessen „Was ist was“-Bücher in den Kinderzimmerregalen verstauben, hier einen erfundenen Namen, seine Mutter und die Geschwister auch. Nennen wir ihn Ron.

Ron muss ein wissbegieriges, ein kreatives Kind gewesen sein, eines mit einer blühenden Phantasie. Was hat er nicht alles gebastelt. Roboter zum Beispiel und Raumschiffe, aus Tonpapier. Karina Meyer, seine Mutter, hat sie in einer Schachtel verwahrt, auch den Kopf eines Indianers, von dem Ron gesagt hat, sie solle ihn gut aufbewahren. Es sei ein Talisman.

Wann er ihn ihr geschenkt hat, weiß sie noch genau. Es war der 23. Oktober 2006, der Vorabend jenes Tages, der ihr Leben verändern sollte. Es war 5 Uhr 35, morgens, als es an ihrer Tür klingelte. Die Uhrzeit erscheint am unteren Rand eines Filmes, den ihre damals 15-jährige Tochter Jasmina geistesgegenwärtig mit der Videokamera gedreht hat. Im Sommer 2008 konnte man Ausschnitte daraus in einem Fernsehfilm sehen. Titel: „Wenn Jugendämter versagen“.

Eine NDR-Journalistin hatte Schicksale von Kindern dokumentiert, die – auch infolge fehlender Kontrolle der Jugendämter – verhungert sind. Oder – wie im Fall Ron – auf Anweisung der Behörden in ein Heim gebracht wurden. Der Film wirft ein Schlaglicht auf ein Problem, von dem Kritiker der staatlichen Kinder- und Jugendhilfe sagen, es sei strukturell bedingt. Hierzulande fehle eine Instanz, die die 600 deutschen Jugendämter kontrolliere. Gesetzeslücken öffneten dem Machtmissbrauch durch Sozialarbeiter Tür und Tor.

Dem Parlament der Europäischen Union liegen inzwischen 200 Petitionen von deutschen Eltern vor, die Jugendämter anprangern, von Menschenrechtsverletzungen ist die Rede. Eine der Petitionen stammt von Karina Meyer.

Sie wohnt in einem Plattenbau an einer vielbefahrenen Straße in Berlin. Sie hat beinahe im Alleingang zwei Töchter groß gezogen. Jasmina, 18, bereitet sich auf ihr Abitur vor, Deborah, 24, studiert. Ron entstammt der Ehe mit einem peruanischen Informatikstudenten, die bereits während der Schwangerschaft in die Brüche geht. Fortan war Karina Meyers Leben das einer alleinerziehenden Mutter, die in die Mühlen der Bürokratie gerät, als sie Schutz beim Jugendamt sucht. Sie ist eine streitbare Frau, die schnell mit Strafanzeigen und Dienstaufsichtsbeschwerden zur Hand ist, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlt. Vielleicht erklärt das, warum aus einem gewöhnlichen Streit um ein Umgangsrecht ein Machtkampf wurde, der darin gipfelte, dass das Jugendamt am 23. Oktober 2006 beim Familiengericht den sofortigen Entzug des Sorgerechts beantragte.

Am selben Tag wurde Ron mit sieben Jahren eingeschult. Viel zu spät, wie das Jugendamt später kritisierte. Dabei kann Karina Meyer beweisen, dass nicht sie es war, die die Einschulung des Sohnes verzögert hatte, sondern das Jugendamt selber.

Es ist nur eines von vielen Beispielen in einer Geschichte, die sich wie eine kafkaeske Parabel auf die Willkür eines Behördenapparates liest. Ein Kind wird aus seiner Familie herausgeholt. Und keiner weiß so recht, warum.

Die Verantwortlichen berufen sich auf ein Gutachten über die Familie Meyer. Sie weigern sich, ihre Entscheidung dem Tagesspiegel gegenüber zu begründen.

Ron ist zwei Jahre alt, als ihm ein Psychologe eine Hochbegabung attestiert. Er leidet an einem Waschzwang, er nässt nachts ein, er schläft schlecht, er hat Angst vor Schmutz und Dunkelheit. Woher dies alles rührt, wurde nie geklärt. Karina Meyer macht ihren Ex-Mann dafür verantwortlich. Sie bemüht sich um Fassung, wenn die Rede auf ihn kommt, versucht, Schuldzuweisungen zu vermeiden, denn Schuldzuweisungen waren es, was sie in diese Sackgasse manövriert hat. Karina Meyer ist vorsichtig geworden.

Sie sagt, dass der Mann das Kind nicht haben wollte. Dass er während der Schwangerschaft gewalttätig geworden sei. Der Sohn ist zwölf Monate alt, als er seinen Vater zum ersten Mal für längere Zeit sieht. Karina Meyer packt den Talisman ihres Sohnes wieder in die Box zurück, als sie von diesem Tag erzählt. „Hinterher war Ron völlig verstört.“

So gerät die Familie in den Blick des Jugendamtes. Karina Meyer überzieht ihren Ex-Mann mit Strafanzeigen. Wiederholt wird in ihre Wohnung eingebrochen, aber die Polizei nimmt keine Fingerabdrücke. Karina Meyer sagt, bei einem der Einbrüche sei Rons Kinderausweis gestohlen worden. Sie steigert sich in die Angst hinein, ihr Ex-Mann könne den Sohn nach Peru entführen. Die Polizei rät ihr, Ron von der Einschulung zurückzustellen. Er soll eine kleine Schule besucht, sicher ist sicher.

Das Jugendamt verspricht, bei der Suche zu helfen, ist aber wenig hilfreich. Detailliert kann Karina Meyer nachweisen, wann und wie oft das Amt sie abgewimmelt oder an falsche Abteilungen in der Schulbehörde weiterverwiesen hat.

Am 24. August landet sie endlich an der richtigen Stelle. Man empfiehlt Meyer, Ron in der Schule des christlichen Kinder- und Jugendwerks „Die Arche“ anzumelden. Bis zu einem Gespräch mit der Schulleiterin und einer schulärztlichen Untersuchung sollen weitere Wochen vergehen.

Am 23. Oktober 2006 also ist endlich Einschulung. Einen Tag später wird Ron frühmorgens abgeholt.

Bernd Siggelkow, Gründer der „Arche“, kennt Familie Meyer. Auf Wunsch der Mutter hat er versucht, bei den Fallkonferenzen zu vermitteln, die das Jugendamt einberufen hat, um die Rückführung des Kindes in seine Familie vorzubereiten.

Schließlich, so steht es im achten Buch des Sozialgesetzbuches, definiert der Gesetzgeber eine Inobhutnahme nur als „vorläufige Unterbringung“. Vorrangiges Ziel der Kinder- und Jugendhilfe ist es, dass „die Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie innerhalb eines im Hinblick auf die Entwicklung des Kinder … vertretbaren Zeitraumes so verbessert werden, dass sie das Kind … wieder selbst erziehen kann.“

„Eine Suche nach Lösungsansätzen hat es aber gar nicht gegeben“, sagt Siggelkow und verweist auf die Protokolle der Sitzungen. „Es ging nur um einseitige Schuldzuweisungen an die Mutter.“

Warum das Jugendamt im Fall Ron bis zum Äußersten ging, steht für Siggelkow außer Frage: „Zwei Wochen vorher ist in Bremen der kleine Kevin tot aufgefunden worden. Die Jugendämter hatten Angst, dass sich ein solcher Fall in ihrem Bereich wiederholt.“

Sie kamen zu elft, zwei Frauen vom Jugendamt, eine Gerichtsvollzieherin und Beamte der Polizei waren auch dabei. Ron schlief noch, er trug eine Schlafanzughose und ein dünnes T-Shirt, als sie ihn aus dem Bett rissen.

In dem Film, den Jasmina gedreht hat, hört man ihn nur schreien. Man sieht nicht, wie er sich an seiner Mutter festklammert. Es dauert beinahe anderthalb Stunden, bis es den Besuchern gelingt, den strampelnden Jungen aus der Wohnung zu tragen.

Wenn Karina Meyer von diesem Tag erzählt, spiegelt sich in ihrem Gesicht eine Mischung aus Ohnmacht, Wut und ungläubigem Staunen. Sie ist eine schmale Mittvierzigerin mit wachen Augen in einem blassen Gesicht. Sie sagt, sie sei jetzt so weit, dass sie manchmal vergesse, welche Jahreszeit draußen herrsche. In ihrem Herzen klaffe ein Loch, doch irgendwie schaffe sie es, den Schmerz auszublenden. Seit jenem Morgen des 24. Oktober 2006 funktioniere sie wie ein Notstromaggregat.

Nicht nur sie macht dieser Fall fassungslos. Nach dem Sozialgesetzbuch dürfen Jugendämter Kinder und Jugendliche nur dann aus den Familien herausnehmen, wenn ihr Wohl akut gefährdet ist. Anhaltspunkte dafür konnte aber keiner der fünf Sachverständigen finden, die sich in Meyers Auftrag mit dem psychologischen Gutachten befasst haben, mit dem das Familiengericht Tempelhof-Kreuzberg im August 2007 den Entzug des Sorgerechts legitimierte.

Die Autorin des Gutachtens, eine Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, attestiert Karina Meyer „eine gemischte Persönlichkeitsstörung mit paranoiden, zwanghaften Zügen“. Meyer bilde sich die Bedrohung durch ihren Ex-Ehemann nur ein. Sie habe ihn verteufelt und die Familie damit in einen Ausnahmezustand gebracht. Über Ron heißt es in dem Gutachten, es handele sich „um ein schwer gestörtes Kind mit vielen Symptomen und Beschwerden, die Krankheitswert haben“. Die Gutachterin hat den Jungen erst nach der Trennung von seiner Familie gesprochen.

Nach Einschätzung des renommierten Psychologie-Professors Dr. Wolfgang Klenner – einer der von Meyer beauftragten Sachverständigen – ist das Gutachten als Beweismittel deshalb untauglich. Meyers Anwälte stellten einen Befangenheitsantrag und erstatteten Strafanzeige gegen die Richterin. Die wiederum teilte Karina Meyer in einem Schreiben mit, dass „von Amts wegen ein Verfahren wegen Kindeswohlgefährdung des Kindes“ Jasmina Meyer, eine der Töchter, „eingeleitet“ ist. Es sei zu befürchten, dass „eine gesunde Entwicklung“ Jasminas „durch die Ängste ihrer Mutter in hohem Maße gefährdet ist“. Das zuständige Jugendamt sei aufgefordert worden, über die Verhältnisse in der Familie zu berichten.

Carola Storm-Knirsch, die wenig später als Verfahrenspflegerin eingesetzt wurde, kam nach einem Besuch der Familie jedoch zu einem ganz anderen Ergebnis. „Natürlich war das Mädchen verstört. Aber schuld daran war doch eher der Verlust des Bruders.“

Sie habe der Richterin ihre Bedenken mitgeteilt. Und später ist sie von dem Fall entbunden worden.

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