STRAFJUSTIZ: Keine Wurzeln, keine Identität

Dem Leiter des ehemaligen Kinderheims „Spatzennest“ wird wieder Kindesmissbrauch vorgeworfen. Erst jetzt zeigt sich das ganze Ausmaß der Wormser Tragödie. Von Gisela Friedrichsen

H ätte von jenen jungen Frauen, die seit dem Kleinkindalter bis fast zur Volljährigkeit von Stefan Sch. abhängig waren, nur eine einzelne Vorwürfe gegen ihn erhoben – es hätte als Ausnahme gelten können. Auch der Gedanke, diese eine könnte sich etwas ausgedacht haben oder wolle sich aus welchem Grund auch immer an ihm rächen, wäre zumindest nicht ganz absurd gewesen. Doch Sch. wird nicht nur von dieser einen jungen Frau beschuldigt. Es sind mehrere. Es ist eine ganze Reihe.

Ein Komplott? Recht unwahrscheinlich.

Die jungen Frauen wären weniger glaubwürdig, wenn jede eine andere Geschichte über Sch. erzählte. Oder wenn sie ihn sturzflutartig, inflationär und mit Belastungstendenz bezichtigten. Doch auch das trifft nicht zu. Die jungen Frauen haben anscheinend alle Ähnliches erlebt. Was sie unabhängig voneinander berichten – zögernd, voller Scham, weinend, hin und her gerissen zwischen Loyalitätsgefühlen, Angst und Abscheu -, es geht immer wieder um das Gleiche.

Der Sozialpädagoge Stefan Sch., 44, stand schon einmal wegen ähnlicher Vorwürfe vor Gericht. Nur damals waren diese nicht so gravierend und vor allem weniger eindeutig. 2008 verurteilte ihn das Landgericht Kaiserslautern wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern in Tateinheit mit sexuellem Missbrauch von Schutzbefohlenen zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr. Dazu wurde ein drei Jahre währendes Berufsverbot in der Jugendarbeit verhängt. Die milde Strafe erklärt sich dadurch, dass die Übergriffe während einer Ferienfreizeit in Österreich im Jahr 2007 nur in 5 Fällen – angeklagt waren 21 – eindeutig als Straftaten identifiziert werden konnten. Andere musste das damalige Gericht zu Sch.s Gunsten als vielleicht gerade noch medizinisch notwendig werten.

Sch. war bei dem Ferienaufenthalt der einzige Mann neben acht Betreuerinnen gewesen. Trotzdem kümmerte ausgerechnet er sich intensiv um die Intimpflege der Mädchen, untersuchte und wusch sie eigenhändig und „half“ beim Eincremen. Unter dem Vorwand, sie seien gesundheitlich angeschlagen, ließ er einzelne Mädchen in seinem Zimmer übernachten. Der Herbergsvater, dem diese Betriebsamkeit, wenn es um Medizinisches bei Mädchen ging, merkwürdig vorkam, erstattete Anzeige.

Es folgten Festnahme, Untersuchungshaft, weitere Ermittlungen – und das Aus für das Kinderheim „Spatzennest“ im pfälzischen Ramsen, das Sch. Anfang der neunziger Jahre zusammen mit seiner späteren Ehefrau konzipiert hatte. Was ihm damals vorschwebte, war eine Langzeiteinrichtung, in der Kinder unter familienähnlichen Bedingungen bis zum Erwachsenenalter aufwachsen sollten.

Der Kardinalfehler damals war, dass man dem Berufsanfänger Sch. innerhalb weniger Tage sieben Kinder ins Haus setzte, die ihren Eltern im Vorfeld der berüchtigten Wormser Prozesse vor dem Landgericht Mainz wegen angeblich massenhaften Kindesmissbrauchs überfallartig weggenommen worden waren. Es gab niemanden, der es für möglich gehalten hätte, die verdächtigten Väter und Mütter, Onkel und Tanten könnten eines Tages freigesprochen werden, wie es dann geschah. Sch. weist heute triumphierend darauf hin, ihre Verurteilung zu langen Freiheitsstrafen habe „bei allen Fachleuten“ schon festgestanden, ehe die Prozesse überhaupt begonnen hätten. Für diese unprofessionelle, in hysterischer Verblendung getroffene Entscheidung, die Kinder dauerhaft ins Heim zu stecken, hat keiner der Verantwortlichen je einstehen müssen. (…weiterlesen…)

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-81562338.html

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