Was kommt da auf unsere Kinder zu?

ANGEHENDE ERZIEHERIN PACKT AUS

Mehr als 4000 Eltern und Pädagogen sind für eine bessere Betreuung ihrer Kinder auf die Straße gegangen. Aber offenbar gibt es nicht nur zu wenig Erzieher. Den Einrichtungen droht zudem eine Welle schlecht ausgebildeter Nachwuchs-Kräfte.

Schüler daddeln während des Unterrichts mit ihrem Smartphone herum, verlassen einfach so den Klassenraum und sehen gelangweilt aus dem Fenster. Der Lehrer ist völlig überfordert und droht: „Ihr macht gleich Gruppenarbeit, wenn ihr nicht zuhört!“

Was klingt wie das platte Klischee aus einer Hauptschulklasse im sozialen Brennpunkt, ist der Schulalltag, wie Lilith N. (31) ihn erlebt hat. Allerdings sind diese Schüler bereits zwischen 19 und 25 Jahre alt, haben schon eine erste Ausbildung als sozialpädagogische Assistenten und sind bald Erzieher. Sie werden in zwei Jahren auf die Kleinsten in unseren Kitas losgelassen!

Schauplatz ist die Fachschule für Sozialpädagogik in Altona. Dort macht Lilith N. seit diesem Herbst die Erzieher-Ausbildung. Sie ist die Älteste in ihrer Klasse – und entsetzt über die Unreife vieler Mitschüler und den mangelnden Durchsetzungswillen einiger Pädagogen. „Die Lehrer wollen am liebsten unsere Freunde sein, alle duzen sich von Anfang an.“ Das gehe dann auf Kosten der Regeln.

Regelrecht dramatisch ist das Ausmaß des Unterrichtsausfalls. Zehn Prozent der Stunden können in diesem Halbjahr nicht gegeben werden (80 Stunden!), wie die Schule gegenüber der MOPO bestätigte. Ganze Lernfelder wurden gestrichen oder auf die Hälfte der Stunden reduziert. „Ich habe kaum die Chance, etwas Fundiertes zu lernen“, sagt N. Die anderen scheine das nicht zu stören.

Wegen der Engpässe muss oft eigenverantwortlich am PC gelernt werden. „Das nutzen einige Schüler, um einkaufen zu gehen oder bei Ebay zu shoppen.“ Die darauf hingewiesene Lehrerin fand das völlig in Ordnung. „Sie bezeichnete es als ganz normale Auszeiten.“

Viele Leistungsnachweise können derzeit nur über Gruppenarbeit erbracht werden. So gibt es auch keine Einzel-Benotung. Für die ehrgeizige Schülerin ein Problem. Lilith N. macht nebenbei noch ihr Montessori-Diplom und eine Weiterbildung in Natur-Pädagogik. „Ich bin ja auch sonst gar nicht ausgelastet.“

Eigentlich wollte sie nicht Erzieherin werden wie ihre Oma und ihre Mutter. Sie hat bereits im Ausland im kaufmännischen Bereich gearbeitet und Freiwilligendienst gemacht. „Aber nun folge ich doch der Familientradition.“

Ein zentraler Auslöser für das Chaos an der Fachschule dürfte die vom Senat angetriebene, massive Steigerung der Absolventenzahlen sein. Hintergrund war der drohende Erziehermangel durch den Krippenausbau (siehe Info unten). Zudem wurde die Ausbildung von drei auf zwei Jahre verkürzt.

Das müsste eigentlich dazu führen, dass der Stoff noch konzentrierter durchgenommen wird. Was unmöglich ist, da bei der Fachschule nach eigenen Angaben in diesem Jahr zwölf Lehrerstellen nicht besetzt sind. Ein Mangel, der seit Jahren besteht und laut Schule zur „Anhäufung von beträchtlichen Überstunden“ geführt habe.

Nun hat sich die Lage aber gebessert, die Stunden werden ab November nachgeholt. Die Folge: Jetzt müssen die Schüler 40 Unterrichtsstunden pro Woche wuppen, sonst wird ihre Ausbildung nicht anerkannt.

Lilith N. schüttelt darüber nur den Kopf: „Wie sollen bei dem Chaos am Ende gute Erzieher in die Kitas kommen?“

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http://www.mopo.de/nachrichten/angehende-erzieherin-packt-aus-was-kommt-da-auf-unsere-kinder-zu-,5067140,28910864.html

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