Die Familie, die nicht deutsch werden darf

Der Physiker Oleg Tsigenov aus Usbekistan erfüllt alle Voraussetzungen, um eingebürgert zu werden. So einen wie ihn suchen Unternehmen händeringend. Doch ein Amt verhindert das mit bizarrem Verhalten.

Als Oleg Tsigenov an einem Herbsttag im Jahr 2009 seinen Sprachtest machte und man ihm im Anschluss zu 33 von 33 möglichen Punkten gratulierte, wähnte sich der Mann am Ziel. „Da habe ich gedacht“, sagt der 39-Jährige, „dass ich bald Deutscher sein werde. Und mit mir meine Frau und mein Sohn.“ Tsigenov, geboren in Usbekistan, Diplom-Physiker, lebte damals acht Jahre in der Bundesrepublik, genauso lange arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen. Einen wie ihn nennt man Fachkraft, und nach ihnen war und ist Deutschland ja angeblich auf der Suche.“Ich wollte, dass meine Kinder eine bessere Perspektive haben als ich“, sagt Tsigenov.Fünfeinhalb Jahre später sitzen er, seine Frau Nadezda, 39, sein Sohn Daniil, 16, und seine in Aachen geborene Tochter Mirra, 5, im Wohnzimmer eines farblosen Plattenbaus im Stadtteil Laurensberg und sagen, dass ihr Vertrauen in den deutschen Staat ein wenig erschüttert sei. Bis heute weigert sich das Ausländeramt Aachen, die Familie einzubürgern – obwohl sie alle Voraussetzungen erfüllt. Wer sich mit dem Fall beschäftigt, bekommt das Gefühl, dass einige Beamte in der Kaiserstadt ein Talent haben, andere Menschen zu schikanieren.

Gefangen als Staatenlose in der Bürokratie

Es gibt eine Vorgeschichte. Im Januar 2014 berichtete die „Welt am Sonntag“ über die Studentin Lisa Taradayko, eine gebürtige Ukrainerin. Taradaykos Antrag auf Einbürgerung wurde stattgegeben, die junge Frau gab ihren ukrainischen Pass ab. Anstatt ihr danach die deutsche Staatsbürgerschaft zu verleihen, forderte das Amt in Aachen aber weitere Dokumente an – die Taradayko nach ihrem Austritt aus der ukrainischen Staatsbürgerschaft naturgemäß nicht mehr liefern konnte. Eineinhalb Jahre war die junge Frau staatenlos und das Amt tatenlos. Erst nach dem Bericht bekam sie ihren deutschen Pass – in Solingen, nicht in Aachen.

Die Familie Tsigenov hingegen ist immer noch nicht deutsch. Obwohl sie seit mehr als acht Jahren hier lebt, obwohl sie alle gut Deutsch sprechen, ein gesichertes Aufenthaltsrecht haben, selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen und keine Straftat begangen haben. Damit sind die Anforderungen, die der deutsche Staat an Möchtegerndeutsche stellt, erfüllt. Eigentlich. In Aachen senken sie trotzdem den Daumen.

Dabei schien anfangs alles so einfach zu sein.

Am 17. Januar 2012 stellte das Ausländeramt der Familie die begehrte „Einbürgerungszusicherung“ aus. Sie gilt für zwei Jahre. Wer dieses Dokument erhält, muss seinen Austritt aus der bisherigen Staatsbürgerschaft erklären. Mit jener Ausbürgerungsbescheinigung geht der Antragsteller zum Ausländeramt, die Beamten geben den Druck des deutschen Passes in Auftrag. Das ist die Regel.

Die Besonderheit im Fall Tzigenov war, dass die usbekischen Behörden ihren Ausbürgerungsantrag ignorieren, bis heute. Das ist ein Problem, aber ein Blick ins Gesetz müsste den Beamten in Aachen reichen, um es zu lösen. In Paragraf 12, Punkt 3 des Staatsangehörigkeitsgesetz heißt es, dass der Antragsteller die Ausbürgerung nicht nachweisen muss, wenn „der ausländische Staat … über den vollständigen und formgerechten Entlassungsantrag nicht in angemessener Zeit entschieden hat.“ Schlecht für die Tsigenovs: „Angemessen“ ist ein dehnbares Wort.

Kinder dürfen nicht auf Klassenfahrten, weil Papiere fehlen

Oleg Tsigenov reichte seinen Ausbürgerungsantrag am 26. April 2012 ein. Seine Frau tat es am 18. Juni 2012. Sechs Briefe schickten sie danach an die usbekische Botschaft und forderten eine Info. Sie baten das Ausländeramt um Hilfe, aber dort hieß es, erst nach zwei Jahren werde man etwas tun.

Die Einbürgerungszusicherung lief im Februar 2014 aus, im Juli und Oktober fragten die Aachener nach eigener Aussage bei der usbekischen Botschaft nach. Eine Antwort bekamen auch sie nicht. Sind knapp drei Jahre eine angemessene Zeit, die die Tsigenovs jetzt warten? Oder darf es noch ein bisschen mehr sein?

Oleg Tsigenov musste Physikkonferenzen im Ausland absagen, weil er mit dem usbekischen Pass nicht in das Land einreisen durfte. Daniil Tsigenov besucht das Gymnasium, er konnte mit seinen Klassenkameraden nicht zum Skifahren nach Österreich, weil er bis zum 16. Lebensjahr im Pass seines Vaters stand. Der Junge wollte ein Praktikum bei der Bundeswehr machen, nach dem Abitur will er dort sowieso hin – aber mit einem usbekischen Pass? Mirra plärrt durch das Wohnzimmer: „Ich bin hier geboren, verstehst du das?“

In Deutschland geborene Tochter sollte zum Sprachtest

Es ist nicht nur so, dass das Amt auf die Antwort der Usbeken wartet. In der Zwischenzeit sind sie – wie bei Lisa Taradayko – auf die Idee gekommen, weitere Unterlagen anzufordern: noch einmal die Einkommensunterlagen des Vaters, ein Nachweis über die Sprachfähigkeiten der Tochter. Die in Deutschland geboren wurde. Die hier in den Kindergarten geht.

Und kann es nicht sein, dass die einzelnen Familienmitglieder neben der usbekischen auch die armenische oder russische Staatsbürgerschaft haben? Das dem nicht so ist, wollen die Aachener nun ebenfalls nachgewiesen haben, drei Jahre nachdem sie der Familie zusicherten, Deutsche werden zu können.

Wenn sich Oleg Tsigenov mit Freunden trifft, dann sagt schnell einer: „Na Oleg, wie läuft die Einbürgerung?“ Dann lachen sich alle halb tot, auch Oleg. „Ich kann es nicht mehr ernst nehmen“, sagt der Mann und grinst. Dass so etwas in Usbekistan passiert, hätte er sich ja noch vorstellen können. Aber hier? Er hat noch Hoffnung. „Ich habe nicht den Glauben an Deutschland verloren. Nur an Aachen“, sagt er. Sein Sohn sieht die Sache weniger locker, er schimpft: „Es ist ein Albtraum.“

Der nun aber zu Ende gehen konnte. Am Donnerstagmorgen fragte die „Welt am Sonntag“ bei der Stadt Aachen nach, wann sie gedenkt, die Familie Tsigenov einzubürgern. Urplötzlich, nach jahrelangem Nichtstun, hieß es dann, auf die Entlassung aus der usbekischen Staatsangehörigkeit könne mittlerweile verzichtet werden.

In Kürze werden die Tsigenovs deutsch.

http://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/die-familie-die-nicht-deutsch-werden-darf/ar-BBhCxPw?ocid=iehp

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