Kindeswohlindustrie In der Jugendhilfe können private Träger und Gutachter viel Geld verdienen

Auch im sensiblen Bereich der Jugendhilfe sind in der Bundesrepublik mittlerweile zahlreiche genuine Aufgaben des Staates privatisiert. Es hat sich ein riesiges Netz freier Träger gebildet, die Heime betreiben, sogenannte Familienhilfen stellen und vieles mehr. Der Rechtsanwalt Thomas Saschenbrecker, der bundesweit Eltern und Kinder vor Familiengerichten vertritt, sprach gegenüber jW von einer regelrechten »Kindeswohlindustrie«.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes vom 25. Januar dieses Jahres wendete die öffentliche Hand 2013 rund 4,7 Milliarden Euro für die Unterbringung junger Menschen außerhalb des Elternhauses in Vollzeitpflege, Heimen oder Einrichtungen des betreuten Wohnens auf. Das ist gegenüber 2006 ein Anstieg um 43 Prozent. Das Geld geht zum größten Teil an private Träger, die ein wirtschaftliches Interesse daran haben, Kinder so lange wie möglich zu behalten. Es wird faktisch nicht kontrolliert, was mit den jungen Menschen und für sie getan wird, oder ob ihnen gar gravierender Schaden zugefügt wird.

Nur in Einzelfällen wie dem der Haasenburg GmbH, die in Brandenburg geschlossene Jugendheime betrieb, in denen es jahrelang zu schweren Misshandlungen und Zwangsverabreichung von Psychopharmaka gekommen war, wurden daraus Konsequenzen gezogen. Allerdings wurden die Missstände nicht durch die staatliche Aufsicht aufgedeckt, sondern durch Medienberichte. Die Haasenburg sei, was Zwangsbehandlungen Minderjähriger betrifft, »nur die Spitze eines Eisberges«, meint Anwalt Saschenbrecker.

In Bremen hat die »Pflegekinder in Bremen gGmbH« (PiB) seit 2002 das Monopol für die Vermittlung von Ersatzeltern. Sie arbeitet im Auftrag der Sozialsenatorin. Nach Angaben der taz Bremen vom 23.3. gibt die Stadt pro »Fall« und Jahr gut 60.000 Euro aus – von denen die Pflegefamilie aber höchstens 15.840 bekommt. Für den begleiteten Umgang von Eltern mit ihren von ihnen getrennten Kindern ist in der Hansestadt unter anderem die »Reisende Werkschule Scholen« zuständig, die eine Wohngruppe für Jugendliche betreibt, Familienhilfen stellt und sogenannte Clearings in familiären Konflikten durchführt. (…weiterlesen…)

https://www.jungewelt.de/2015/04-20/003.php

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