Vater: „Das Jugendamt hat mir nie eine Chance gegeben“

Sorgerechtsstreit in Bonn

Vater: „Das Jugendamt hat mir nie eine Chance gegeben“

BONN.  In einem mysteriösen Fall folgt das Bonner Jugendamt den Empfehlungen der Mutter und sendet fehlerhafte Angaben zum Familiengericht. Nach Jahren des Streits bleiben eine therapiebedürftige Tochter und ein verzweifelter Vater übrig. Dazu viele offene Fragen. Die Stadt Bonn will sich mit Hinweis auf den „Sozialdatenschutz“ nicht äußern.

Denkt Marco Schneider an seine Tochter, erinnert er sich an einen sonnigen Urlaubstag 2011 in Schweden. Die elfjährige Larissa möchte in einem Badesee um eine kleine Insel schwimmen. „Papa, kommst du mit? Alleine traue ich mich nicht“, sagt sie. Sie schwimmen gemeinsam, Seite an Seite. Schneider ahnt zu diesem Zeitpunkt nicht: Es wird einer der letzten Glücksmomente zwischen Vater und Tochter sein. Wenige Monate später beginnt ein Sorgerechtsstreit zwischen den Eltern. Es kommt zum Gerichtsprozess. Das Verfahren um Larissa setzt eine Entwicklung in Gang, die für Schneider zwar noch nicht beendet ist, jedoch schon heute ein Ergebnis hat: Das Vater-Tochter-Verhältnis zwischen Larissa und ihrem Vater wird nie mehr dasselbe sein. Vielleicht ist es für immer zerstört. Wie konnte es dazu kommen?

Vor 20 Jahren. In einer Bonner Klinik lernen sich 1995 ein Krankenpfleger und eine Krankenschwester kennen. Er soll in dieser Geschichte „Marco Schneider“ heißen und sie „Tanja Fischer“. Die beiden werden ein Paar. Aufs Heiraten verzichten sie. Sie bekommen eine Tochter; nennen wir sie „Larissa“. Vier Jahre nach der Geburt des Kindes trennen sich die Eltern. „Wir haben uns auseinandergelebt“, sagt Marco Schneider. Larissa lebt nach der Trennung bei der Mutter, beim Vater ist sie regelmäßig zu Besuch. Fünf Jahre lang funktioniert das ohne Probleme.

Doch 2009 meldet sich überraschend das Jugendamt bei Marco Schneider. Er soll eine „Elternvereinbarung“ zu den Vater-Tochter-Treffen unterschreiben. Die Übernachtungen dürften außerdem erst weitergehen, wenn er seinem Kind ein Schlafzimmer anbieten könnte. Larissas Mutter hat der Behörde berichtet, dass Schneider in einer Ein-Zimmer-Wohnung auf 45 Quadratmetern lebt. Das Amt habe diese Wohnung nicht selbst besichtigt, sagt Marco Schneider. Der Mutter, die das Amt eingeschaltet hatte, sind die Mitarbeiter des Bonner Jugendamts vertraut, denn sie hat dort nach ihrem späteren Jurastudium einen Teil ihres Referendariats absolviert. Marco Schneider will keinen Konflikt und zieht deshalb in eine größere Wohnung.

Im Februar 2011 erleidet Tanja Fischer einen Schlaganfall. Die zehnjährige Larissa ruft den Rettungsdienst. Die Mutter muss ins Krankenhaus. Infolge des Schlaganfalls ist sie körperlich und seelisch beeinträchtigt. In dieser Zeit lebt Larissa bei ihrem Vater. Nach Tanja Fischers Reha nimmt Marco Schneider seine hilfsbedürftige Ex-Freundin vorübergehend bei sich auf, obwohl es die Beziehung zu seiner neuen Lebensgefährtin enorm belastet. Etwa sechs Monate später findet Tanja Fischer eine Wohnung mit Kinderzimmer in einem Bonner Mehrgenerationenhaus. Um die notwendige Renovierung, neue Möbel, um den Umzug – um alles kümmert sich Marco Schneider, so berichtet es die Einrichtungsleitung. „Ich wollte, dass Larissa und ihre Mutter nicht getrennt werden“, sagt Marco Schneider. Nachdem alles vorbereitet ist, entscheidet Tanja Fischer sich um. Sie zieht ins Haus einer Freundin. Weitere Mitbewohner sind deren Lebensgefährte, der Sohn der beiden sowie Hannah, Tochter der Freundin aus erster Ehe. In der Sechser-WG teilt sich Larissas Mutter, so berichtet eine Besucherin des Hauses, mit Larissa eine schmale Liege im Wohnzimmer. Einwände des Jugendamtes: keine.

„Von dem Moment des Einzugs an war keine normale Kommunikation mit der Mutter mehr möglich“, sagt Marco Schneider. Doch auch die Tochter verändert sich in den folgenden Monaten. Das berichtet die Klassenlehrerin des Kindes dem Vater; nennen wir sie „Frau Lysacek“. Dem GA bestätigt sie ihre Aussagen von damals.

Die Lehrerin kennt Larissa seit drei Jahren. In der Zeit nach dem Umzug bemerkt sie bei dem Kind „Zeichen körperlicher Verwahrlosung“. Larissa wirke blass und habe stark zugenommen. Auch ihre Noten verschlechtern sich. Larissa erzählt der Lehrerin, dass sie zu Hause keinen Rückzugsort zum Lernen habe. Lysacek versucht, mit der Mutter zu telefonieren. Vergeblich. Larissa richtet aus, es sei „im Moment kein Gespräch möglich“. Eine Stellungnahme auf GA-Anfrage lehnt die Mutter ab. Sie möchte sich dazu – wie auch zu dem gesamten Fall – nicht äußern.

Die Klassenlehrerin ruft das Jugendamt an
Irgendwann findet die Lehrerin die Situation unhaltbar. Sie beschließt, nachdem der Vater bereits das Jugendamt informiert hatte, ebenfalls den Kontakt zu suchen: „Ich rief mehrmals beim Jugendamt an, bis jemand bereit war, mit mir zu reden“, sagt Lysacek. Sie schildert einer Mitarbeiterin, was sie beobachtet hat, und bittet um ein persönliches Gespräch. Die Mitarbeiterin sagt es ihr zu, meldet sich aber nicht mehr. Stattdessen ruft ein anderer Mitarbeiter des Amtes an: Man werde sich der Sache annehmen und sie, Lehrerin Lysacek, über das Ergebnis informieren. Sie wartet vergeblich. Warum? Der GA hat der Stadt Bonn diese und andere Fragen Ende April gestellt. Am vergangenen Freitag antwortete das Presseamt: „Die Stadt kann und wird sich zu einem laufenden Jugendhilfefall nicht öffentlich äußern. Aus Sicht der Stadt verbietet sich eine öffentliche Darstellung grundsätzlich, weil dies nicht vom Gebot des Sozialdatenschutzes gedeckt wäre und die Gefahr besteht, dass das Kind identifizierbar wird. Das ist dem Kind nicht zuzumuten. (…) Die Stadt nimmt in Kauf, dass deshalb ihre Rolle nicht objektiv dargestellt wird, denn sie bewertet das Kindeswohl höher als das eigene Image.“

Im März 2012 fährt Larissa mit ihrer Schule auf Skifreizeit. Vielleicht ist sie bei der Abfahrt etwas unvorsichtig, vielleicht übermütig: Sie stürzt und verletzt sich. Es ist nichts Ernstes, doch weiterfahren kann sie nicht. Lysacek will die Mutter verständigen, doch Larissa lehnt ab: Sie möchte dies lieber selbst tun; sie befürchtet, dass die Mutter verängstigt werden könnte.

Im Laufe der folgenden Monate hört Marco Schneider einen Verdacht. Hannah, Tochter von Tanja Fischers Freundin und im selben Alter wie Larissa, sei angeblich zu Hause sexuell missbraucht worden. Eine Verwandte Hannahs hat das Jugendamt informiert. Auch fällt einem Lehrer auf, dass Hannah mit kreisrunden Brandwunden in die Schule kommt. Aus dem Polizeibericht geht hervor, dass der Fachdienst Kinderschutz bei einer Überprüfung keine Anhaltspunkte für den Missbrauchsverdacht findet, doch das kann Marco Schneider zunächst nicht wissen. Er macht sich große Sorgen um Hannah und seine Tochter und alarmiert nun selbst das Jugendamt. „Ich wollte, dass man sich wieder gemeinsam an einen Tisch setzt“, sagt Schneider heute. „Es war der größte Fehler meines Lebens. Heute weiß ich: Ich hatte nie eine Chance.“

Schließlich trifft er bei einem Termin beim Jugendamt die Mitarbeiterin Frau W. – jene Sachbearbeiterin, die bereits seine Einzimmerwohnung als Übernachtungsort für Larissa beanstandet und Larissas Lehrerin nicht persönlich angehört hatte. Im Gespräch hat Marco Schneider nicht das Gefühl, dass Frau W. seine Sorgen ernst nimmt. Wenige Tage nach dem Gespräch schickt Frau W. ihm per Post eine Vereinbarung zur Unterschrift zu. Darin soll er sich verpflichten, sich nicht mehr bei Larissas Schule über seine Tochter zu informieren. Marco Schneider sucht Frau W. – ohne Termin – in deren Büro auf. Sie vermerkt in der Akte, dass Marco Schneider ausfallend geworden sei. Das streitet Larissas Vater nicht ab: „Ich bin laut geworden. Ich habe ihr gesagt, dass sie das Kindeswohl mit Füßen tritt.“ Ein weiteres persönliches Gespräch wird ihm Frau W. danach nicht mehr ermöglichen. (…weiterlesen…)

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