Was eine Syrerin auf dem deutschen Arbeitsmarkt erlebt

Pharma-Managerin Rayan M. ist aus Syrien nach Deutschland eingewandert. Ausgebildet und berufserfahren. Doch bis sie einen Platz als Praktikantin ergattert, muss sie einige Hürden überwinden.

Rayan M.s Flucht beginnt mit einer Kündigung. Vier Jahre lang hatte sie in der Niederlassung eines US-Pharma-Unternehmens in Damaskus als Produktmanagerin gearbeitet. Dann erhielt ihr Arbeitgeber von der US-Regierung die Anweisung, das operative Geschäft in Syrien einzustellen. M. mochte ihre Arbeit und Kollegen, doch ihren Job gab es nun nicht mehr. Und mit ihrer Arbeitsstelle verlor M. auch den letzten Grund, in ihrer Heimat zu bleiben. „In Syrien gab es keine Zukunft für mich und meine Töchter mehr“, erklärt sie Monate später in einem Café in Berlin.

M. ist eine kleine, zierliche Frau mit großen, dunklen Augen. Man sieht ihr nicht an, dass sie 36 Jahre alt ist und zwei Kinder hat. M.s Gesicht wirkt sehr jung. Doch wenn sie in ihrem sehr guten Englisch erklärt, warum sie ihre Heimat verlassen hat, merkt man, dass sie nicht mehr wirklich jung ist.

Sie hat ihre Zukunftschancen genau kalkuliert und sich bewusst für Deutschland entschieden. „Ich habe früher in anderen arabischen Ländern gearbeitet und wollte dahin zurückkehren – doch ich habe entweder keine Arbeitserlaubnis bekommen oder durfte gar nicht erst einreisen. Syrer sind in diesen Staaten nicht mehr gern gesehen“, sagt sie. Schließlich gibt sie die Suche auf und steigt einige Monate nach ihrer Kündigung in Hamburg aus einem Flugzeug. Im Pass ein Studentenvisum, im Kopf der Wunsch, in Deutschland einen Job zu finden.

Nur wenige haben keine Schulbildung

Wie M. haben sich auch Hunderttausende anderer Syrer entschieden, nach Deutschland zu kommen. Sie hoffen, hierzulande eine bessere Zukunft für sich und ihre Familie aufzubauen: fernab von Gewalt und Zerstörung in ihrem Heimatland. Ein wichtiger Teil der besseren Zukunft ist ein Arbeitsplatz. Die Ausgangslage dafür ist nicht schlecht, weil es viele freie Arbeitsplätze gibt: Allein 40.000 Ausbildungsplätze sollen im kommenden Jahr unbesetzt bleiben.

Und in diversen Branchen wie dem Gesundheitswesen, dem IT-Bereich und anderen technischen Berufen gibt es viele freie Stellen. Hinzu kommt, dass die Syrer im Durchschnitt besser gebildet sind als die Asylbewerber aus anderen Ländern, wie eine freiwillige Befragung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ergab. Daten zufolge, die zwischen Anfang 2013 und September 2014 erhoben wurden, erklärten rund 21 Prozent der Syrer, eine Fachhochschule beziehungsweise Universität besucht zu haben. 22 Prozent gaben den Besuch eines Gymnasiums und 47 Prozent den Besuch einer Grund- oder Mittelschule an. Nur wenige gaben an, gar keine Schulbildung zu haben.

Doch dem Wunsch, schnell einen Job zu finden, stehen neben sprachlichen Hindernissen auch bürokratische Komplikationen im Wege. Auf ein dreimonatiges Beschäftigungsverbot für alle Flüchtlinge folgt die Pflicht, vor Vertragsabschluss eine behördliche Arbeitserlaubnis einzuholen. Erst, wenn weitere zwölf Monate verstrichen sind oder der Antrag auf Anerkennung als Flüchtling bewilligt ist, ist der Weg in den Beruf frei. Aber die Bearbeitung dieses Antrags nimmt immer mehr Zeit in Anspruch. Flüchtlinge warten wegen des hohen Andrangs mittlerweile mehrere Monate auf ihren Bescheid.

Welche Frisur ist angemessen?

Doch es gibt auch Unternehmen, die sich dafür einsetzen, Flüchtlingen den Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt zu erleichtern. Eines von ihnen ist das Biotechnologie-Unternehmen Sartorius, das seine Zentrale in Göttingen hat. Im Rahmen einer Kooperation mit der Stadt Göttingen und dem lokalen Arbeitsamt hat das Unternehmen 14 geeignete Flüchtlinge zu sich eingeladen.

Diese konnten sich ein Bild von Sartorius machen und sich anschließend auf einen Praktikumsplatz bewerben. Elf von ihnen haben eine schriftliche Bewerbung abgegeben und daraufhin einen Praktikumsplatz angeboten bekommen. Sie fangen am 1. Oktober für drei Monate bei dem Biotechnologie-Unternehmen an. Der Aufenthaltsstatus der Menschen, die aus Syrien, Kolumbien, dem Sudan und Palästina gekommen sind, ist kein Problem, weil das Projekt in Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit in Göttingen entstanden ist. Die Behörde kümmert sich bei diesen Flüchtlingen um die Arbeitserlaubnis.

Auch M. hatte sich im Juli auf einen Praktikumsplatz bei Sartorius beworben. Allerdings nicht als Teil der Kooperation zwischen Stadt und Unternehmen, sondern über persönliche Kontakte. Und auch M. wurde Anfang August zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie ihr Studentenvisum bereits aufgegeben und einen Antrag auf Anerkennung als Flüchtling gestellt, weil dies der einzige Weg ist, ihre beiden Töchter von Syrien nach Deutschland nachzuholen.

Das Ziel knapp vor Augen

Die Antragsstellung lag beim Gesprächstermin bereits über drei Monate zurück, die Beschäftigungssperre galt also nicht mehr. Vor dem Termin war M. aufgeregt: Was trägt man hier zu geschäftlichen Anlässen? Hochhackige Schuhe oder nicht? Welche Frisur ist angemessen?

Sie entschied sich schließlich für einen schwarzen Hosenanzug und schwarze Schuhe mit Absatz. Am Ende überzeugte vor allem ihr Lebenslauf. Sprachliche Hürden gab es nicht, denn die Unternehmenssprache ist Englisch. Sartorius bot ihr einen Praktikumsplatz an – und es sollte schon zwei Wochen später losgehen. M. war euphorisch. Sie schien ihrem Ziel so nahe zu sein.

Sie sollte bei einer Tochterfirma, dem Pharmazulieferer Sartorius Stedim Systems, in Nordhessen anfangen. Das Unternehmen wollte ihr ein Zimmer am Standort in Guxhagen zur Verfügung stellen. Und sobald ihr Aufenthaltsstatus geklärt wäre, sollte sie auch eine geringe Aufwandsentschädigung bekommen. Eine innerbetriebliche Regelung sieht 550 Euro monatlich für Praktikanten vor.

Wochenlanges Warten auf den Bescheid

Wird dem Antrag stattgegeben?

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