Fingiertes NSU-Opfer: Reisekosten für ein Phantom

Der Eklat um das wohl erfundene NSU-Opfer Meral Keskin wird immer seltsamer: Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen will Keskins Anwalt sogar 2000 Euro dafür bezahlt haben, dass seine Mandantin endlich nach Deutschland kommt.

Es ist in der deutschen Justizgeschichte ein wohl einmaliger Vorgang: Im umfangreichsten Terrorprozess seit Jahrzehnten fällt erst nach zweieinhalb Jahren auf, dass es eine Beteiligte gar nicht gibt. Die Person Meral Keskin, die angeblich ein Opfer des NSU-Anschlags in der Kölner Keupstraße gewesen sein soll, scheint eine Erfindung von Atilla Ö. zu sein, Nebenkläger im Münchner Prozess, nach allem, was man weiß, tatsächliches Opfer des Anschlags.

Dennoch vertrat der Rechtsanwalt Ralph Willms seine Phantom-Mandantin vor dem Münchner Oberlandesgericht – mehr als 230 Verhandlungstage lang. Am vergangenen Freitag erstattete Willms dann bei der Staatsanwaltschaft Köln Anzeige gegen Ö. wegen Betrugs.

In dem vierseitigen Dokument führt Willms‘ Anwalt Peter Nickel nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen unter anderem aus, wie Willms an das verhängnisvolle Mandat gelangt sein will. So sei Ö. auf ihn zugekommen und habe ihm Meral Keskin als langjährige Bekannte seiner Mutter angekündigt. Zum Beleg, dass Keskin tatsächlich bei dem Nagelbombenanschlag am 9. Juni 2004 geschädigt worden war, reichte Ö. demnach ein Attest und Zeitungsausschnitte ein. Die dort abgedruckten Fotos aus der Keupstraße sollten Meral Keskin zeigen. Später erhielt er nach eigenen Angaben weitere Bilder, auf denen eine verletzte Meral Keskin zu sehen gewesen sein sollte.

Vermeintlicher Zusammenbruch auf dem Weg zum Flughafen

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Zusammengefasst: Rechtsanwalt Ralph Willms hat mehr als 230 Tage lang eine gewisse Meral Keskin als Nebenklägerin im NSU-Prozess vertreten. Dann kam heraus, dass Keskin gar nicht existiert, sondern wohl von einem anderen Nebenkläger, Atilla Ö., erfunden worden war. Willms hat nun Ö. wegen Betrugs angezeigt – doch wirft die Anzeige auch Fragen zu seinem eigenen Handeln auf.

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/nsu-opfer-meral-keskin-anwalt-zahlte-reisekosten-fuer-nebenklaegerin-a-1056892.html

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