JUGENDAMT: Behörde beendet Auslandsprojekt in Moldawien

Jugendamt greift ein

Versmold. Die Vorwürfe, die im Raum stehen, wiegen schwer. Die Jugendlichen, die sich bis vor kurzem in Projekten der Münsteraner Organisation Gegenstrom im südosteuropäischen Moldawien befunden haben, sollen vom dortigen Leiter misshandelt und zur Arbeit gezwungen worden sein. Von Medikamentenmissbrauch ist ebenso die Rede. All das erzählen uns zwei betroffene Mütter aus dem Altkreis Halle – und betonen, dass diese Vorwürfe haltlos seien, dass sich ihre Kinder in dem Projekt gut aufgehoben gefühlt, durch die enge Eins-zu-eins-Betreuung deutliche Fortschritte gemacht hätten und gerne weiterhin dort geblieben wären.

„Ich bin drei Mal selbst bei meinem Sohn in Moldawien gewesen. Ich weiß, wovon ich spreche“, sagt Sandra B. aus Versmold (die Redaktion verzichtet zum Schutz der minderjährigen Kinder der Familie auf vollständige Namensnennung). Der Aufenthalt in Moldawien, der vor gut einer Woche so jäh endete, sollte für ihren Sohn eigentlich eine Chance sein. Eine Chance, wieder Fuß zu fassen im normalen Alltag. Seit drei Jahren befindet sich der Jugendliche aus Versmold, der nach Angaben seiner Mutter emotional behindert und stark verhaltensauffällig ist, unter enger pädagogischer und psychologischer Betreuung im Ausland. „Es tut natürlich als Mutter weh, sein Kind wegzugeben“, sagt sie, betont aber auch, dass die Entscheidung alternativlos gewesen sei.

Das Ende der Maßnahme und die Rückholaktion hätten ihren Sohn nun völlig verunsichert und die bisherigen Erfolge zunichtegemacht. „Nun hängen wir Eltern in der Luft“, sagt Sandra B. und wirft der Behörde Willkür vor. Genauso geht es der Wertheranerin Nicole H. „Da wurde über unsere Köpfe hinweg entschieden, obwohl wir die Sorge- und Erziehungsberechtigten sind.“

Die Abteilung Jugend, Familie und Sozialer Dienst (Jugendamt) selbst sah sich zu diesem Schritt gezwungen. „Dazu gab es keine Alternative“, lässt sie über den Pressesprecher des Kreises, Jan Focken, dem Haller Kreisblatt auf Anfrage mitteilen. Der Träger der Maßnahme habe das Jugendamt darüber informiert, dass die Jugendlichen vom Staat Moldawien in Obhut genommen worden seien. „Der Staat Moldawien bestand auf die Ausreise“, heißt es weiter. Eine Übergabe sollte nur an Eltern oder Vertreter des Jugendamtes erfolgen.

Leiterin Birgitt Rohde und Marlies Sommerkamp (Regionalstelle Ost des Jugendamtes) stiegen daraufhin in den Flieger; ebenso die Eltern der betroffenen Jugendlichen. „Wir haben uns als Jugendamt verpflichtet gefühlt“, sagt Focken zur nicht alltäglichen Dienstreise. Birgitt Rohde habe nicht nur die Rückreise der drei Jugendlichen aus dem Kreis Gütersloh organisiert, sondern aller 13 Jugendlichen aus Deutschland, die in Projekten dort betreut waren.

„Wir haben weiterhin das Vertrauen in die Organisation“

Zum Vorfall, der zur Inobhutnahme der Jugendlichen durch den moldawischen Staat geführt hatte, äußert sich der Kreis nicht weiter. Grundsätzlich scheint das Projekt bisher aber einen guten Ruf bei der Behörde gehabt zu haben. Noch im Juni erstattete Marlies Sommerkamp der Politik Bericht über ihren Aufenthalt vor Ort. „Alle Jugendlichen bewerteten die Maßnahme als positiv und würden diese weiterempfehlen“, hieß es zusammenfassend. Die Hilfe beruhe auf „fachlich guten Standards“.

Die Organisation Gegenstrom selbst schweigt zur Sache. „Wir können aus rechtlichen Gründen aktuell zu dem Fall keine Aussagen machen“, reagiert Turhan Karaman, Psychologischer Psychotherapeut und Projektleiter, auf die schriftliche Anfrage des HK.

Die Eltern schildern, dass es sich bei den Vorwürfen letztlich um eine Racheaktion eines gekündigten Mitarbeiters in Moldawien gehandelt haben soll. „Wir haben weiterhin das Vertrauen in die Organisation“, sagt Nicole H. deshalb. Die betroffenen Eltern hätten sich für ihre Kinder die Teilnahme an einem Anschlussprojekt von Gegenstrom in Polen gewünscht. „Maßnahmen hier griffen nicht mehr, in Moldawien lief es. Nun ist wieder totales Chaos“, sagt die Wertheranerin.

Sofort wieder kriminell geworden

Einige Jugendliche seien nach der Rückreise sofort wieder kriminell geworden, ihr eigener Sohn sei abgehauen, schildert Nicole H. Der Sohn von Sandra B. sitzt in der Jugendpsychiatrie. „Ich weiß, dass es ihm dort überhaupt nicht gutgeht“, sagt die Versmolderin. Warum die Jugendlichen nicht – wie von den Familien gewollt – an einem ähnlichen Projekt in Polen teilnehmen durften, sondern unbedingt nach Deutschland zurückmussten, können die Eltern nicht nachvollziehen. „Eine überstürzte Entscheidung war in dieser Situation nicht angeraten“, teilt der Kreis dazu mit. Zudem sei es sehr schwierig, für einzelne Jugendliche eine geeignete Maßnahme zu finden.

http://www.haller-kreisblatt.de/lokal/versmold/20609349_Jugendamt-greift-ein.html



Jugendhilfe im Ausland

Pädagogische Projekte im Ausland als eine Form von Jugendhilfemaßnahmen werden von der Abteilung Jugend, Familie und Sozialer Dienst des Kreises Gütersloh im Vergleich zu anderen Jugendämtern häufig angewandt. Denn die Erfahrungen und Erfolge damit sind nach Angaben der Behörde grundsätzlich gut. Das Jugendamt beauftragt in solchen Fällen externe Träger, mit denen allgemeine Leistungsvereinbarungen sowie individuelle Einzelvereinbarungen getroffen werden. Im Rahmen der Hilfeplanung stehen Träger und Behörde je nach Bedarf in Kontakt; auch Besuche im Ausland gehören dazu. Mit der Organisation Gegenstrom, die individualpädagogische Maßnahmen im In- sowie Ausland anbietet, arbeitet der Kreis Gütersloh seit zehn Jahren zusammen. Zielgruppe der Organisation sind laut Homepage Jugendliche, deren Lebensalltag sich häufig in äußerst konfliktgeladenen und gefährdenden Milieus oder im selbst erstellten isolierten Lebensraum konstituiert hat. Eine Unterbrechung der Alltagsroutinen und schließlich ein Bruch mit den eigenen Denk- und Verhaltensmustern seien erforderlich.

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